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Ein Auto vom Pothole Rodeo Baltic liegt am Dach.

Vier Kilometer bis zur Fähre. Dann lag die Karre am Dach.

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Eigentlich waren es nur noch vier Kilometer bis zur Fähre. Hinten saß schon einer mit dem Handy und kümmerte sich um die Tickets. Ein paar Minuten Luft waren noch, also warum nicht noch schnell einen kleinen Umweg durch den Wald nehmen? Aus „noch schnell“ wurden ungefähr vier Stunden. Die Piste sah erst mal harmlos aus. Schmal, geschottert, mitten durch den Wald. Besser geht’s für Potholer eigentlich nicht. Links und rechts alles ordentlich zugewachsen, sogar eine kleine Brücke war darin komplett verschwunden. Der rote 3er Golf war schon ein Stück weiter als wir, als plötzlich das Heck zu rutschen anfing. Erst nur ein Stück und dann lagen wir auch schon am Dach, zwei Meter unterhalb der Straße.

Das Fahrerfenster stand noch offen. Patrick schrie: „Mach den Motor aus! Mach den scheiß Motor aus!“ Dann abschnallen. Das Knie von Lukas traf noch die Windschutzscheibe, die bis dahin heil geblieben war. So wie wir alle, zum Glück. Also raus übers Fahrerfenster und erst mal Lage checken. Da steht man dann ein paar tausend Kilometer von zu Hause entfernt und versucht zu realisieren, was gerade passiert ist. Was machen wir jetzt? Die ersten Ideen waren nicht besonders clever. Nummerntafel runter, Seriennummer rausflexen und weg. Der zweite Lösungsweg war vielversprechender: eine WhatsApp in die Community-Gruppe.

Starten werden wir gemeinsam mit dem Pothole Rodeo an einem geheimen Ort, verstreuen uns dann aber sofort am Morgen in verschiedene Himmelsrichtungen. Von dort schrauben wir uns nach der Durchquerung von ungefähr 122 unterschiedlichen Dialekten - und bei Bedarf auch durch die ersten paar Nachbarländer - auf schlussendlich 2.500 Höhenmeter. Der Leistungsverlust durch die dünne Luft hier oben ist nicht nur in der Klasse bis 50PS spürbar. Nicht aber, dass der Flachländler nun denkt er hätte freien Blick aufs Meer, es steht nun der Großglocknermit seinen 3.798m vor ihm. Diese sogenannte Hochalpenstrasse wartet mit 36 Kehren auf uns. Die Rallye bewegt sich auch danach ständig im Grenzbereich – was allerdings mehr mit der Größe der Alpenrepublik zu tun hat. Auch im Süden wird es zu einer grenzüberschreitenden Erfahrung kommen. Die Gefahr, bei einer Brettljaus´n (dt. fettes Essen auf einem Holzbrett) und Welschriesling (dt. Weisswein mit höherem Säuregehalt – auch „Kleschn“ genannt) abzutauchen, ist hier in der „steirischen Toskana“ besonders hoch. Ihr glaubt es wird einfach? Nein, das war es noch nie…

Wir brauchen Hilfe!

Der rote Golf kam sofort zurück. Sie hatten eine Säge dabei und so konnten wir erst mal etwas Platz schaffen für die Mission „Auto aufstellen“. Vom Dach auf die Seite war noch das kleinere Problem. Dann sollte die Karre wieder auf die Räder. In dem Moment trafen die ersten zehn Autos ein. Jeder hatte eine Idee und Team Babykatze hatte eine Handwinde. Also Unterboden, Baum, Spanngurte und los geht’s. Das Auto landete noch einmal auf einem Baumstumpf, also musste es da auch wieder runter. Irgendwann stand die Pothole-Karre tatsächlich wieder auf den Rädern. Nur war das Problem damit noch lange nicht gelöst. Und genau da hörten wir irgendwo aus der Ferne eine Hupe. Lange. Sehr lange. Immer wieder, aber zu sehen war niemand. Ernst bleiben war ab diesem Zeitpunkt eher schwierig. Das Team hinter der Tröte hatte es auf dem Weg zu uns nämlich selbst geschafft, in Schwierigkeiten zu geraten. Auch dort sah ein Weg offenbar mehr nach Weg aus, als er tatsächlich war. Festgefahren. Geschaufelt. Gurte raus. Hilferuf in die Gruppe. Und jetzt waren sie es, die zur Hilfe kamen. Nach eigener Aussage gab es Gänsehaut und Applaus für den Auftritt. Der T4 wurde vorgespannt und so lange getreten, bis die Kupplung ihren Geist aufgab. Den nächsten Versuch startete der Lada. Vielversprechend mit Allrad. Damit ging auch wieder ein Stück, bis auch hier das Differenzialgetriebe den Dienst quittierte.

Und irgendwann ist die Karre wieder draußen.

Wir hatten inzwischen noch einmal in die Gruppe geschrieben: Hilfe! Egal was, aber bitte helft uns. Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Rund zweieinhalb Stunden entfernt hatten zwei Subaru-Teams unseren Hilferuf ebenfalls gelesen. Sie wollten helfen, bekamen aber erst mal keine Antwort und machten ihr Ding weiter. Und weil sie danach noch Bock hatten, bogen auch sie auf die nächstbeste Schotterpiste ab. Ein Stück weiter drin, mitten im Wald, stand plötzlich ein Bus. Also hin. Und tatsächlich: Vor ihnen stand genau die Gruppe, die Stunden vorher um Hilfe gebeten hatte. Das Timing hätte kaum besser sein können, denn gerade jetzt hatte auch der Lada seine Spezialfähigkeit verloren. Also die Subarus vorgespannt. Gurte an der B-Säule, hinten Leute zum Anschieben, vorne die Subarus. Volle Manpower. Alle am Schreien, Anfeuern, Rufen. Und dann der Tiefpunkt. Die Karre war schon fast draußen und sackte noch einmal nach hinten ab. Keine Ahnung, wo die letzten fünf Prozent Kraft herkamen. Aber direkt nachdem ein enttäuschtes „Ooooh“ durch die Runde ging, riefen alle: Weiter! Weiter! Weiter! Mehr Gas. Noch einmal ziehen. Nicht aufhören. Es stinkt nach Kupplung, heißem Gummi und Öl. Und genau dieses bisschen mehr reicht. Die Karre kommt über die Kante.

Draußen.

Jubel. Klatschen. Motoren im Begrenzer. Menschen, die sich teilweise erst ein paar Tage vorher kennengelernt hatten, hatten gerade gemeinsam vier Stunden lang versucht, ein fremdes Auto aus dem Wald zu holen. Einer beschreibt diesen Moment später mit Gänsehaut. Versteht man. Und dann läuft das Ding einfach wieder. Dass Patrick direkt nach dem Überschlag nur eines im Kopf hatte – „Mach den scheiß Motor aus!“ – zahlte sich jetzt aus. Motor an. Läuft. Fast schon frech. Ungefähr zwei Stunden hatte der Wagen auf dem Dach gelegen. Eine Seitenscheibe hinten, die Frontscheibe, ein paar Beulen. Gemessen daran, wo die Karre gerade noch gelegen hatte, war erstaunlich wenig kaputt. Schwere Unfälle gehören zum Glück nicht zum Rodeo-Alltag. Ein Auto am Dach ist auch bei uns definitiv kein Standardprogramm. Wenn es dann doch einmal passiert, alle unverletzt bleiben und danach Teams aus allen Richtungen auftauchen, Bäume absägen, Werkzeug auspacken, ihre Kupplungen malträtieren und so lange ziehen, bis die Karre wieder oben steht, dann gehört diese Geschichte erzählt. Viele der Leute kannten sich vorher kaum oder gar nicht. Einige stellten unterwegs fest, dass sie nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen. Aus einzelnen Teams wurden im Laufe des Rodeos immer größere Gruppen. Und als es darauf ankam, stand eben keiner daneben und schaute zu. Jeder hat irgendwas gemacht. Manchmal braucht Gemeinsam ans Ziel deshalb gar keinen großen Werbesatz. Ein zugewachsener Weg, eine Karre am Dach und ziemlich viele Menschen an einem Seil reichen völlig.

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